Disputorium

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PESA - Theorie und Praxis

Gleich vorab: Ich spiele seit Jahrzehnten PnP, habe mich mit Rollenspieltheorien etc. jedoch erst in den letzten Jahren mal etwas intensiver auseinander gesetzt. Jeder, der hier regelmäßig schreibt, ist mir da wohl weit überlegen. Falls meine Fragen daher langweilen, einfach ignorieren ... falls sie schon andernorts beantwortet ausschöpfend beantwortet sind, freue ich mich über einen Link.

Ich habe mir die Ausführungen "Wider das Schummel-Erzählspiel" und "Abenteuerspielen" und die "FAQs" mehrfach durchgelesen und auch andernorts die eine oder andere Diskussion hierzu verfolgt. Aber ganz ehrlich: Ich bin mir nicht ganz im Klaren darüber, wie "ernst" es den PESA-Vertretern hier mit diesen Aussagen ist. Meine ganz ehrliche Frage daher: Handelt es sich für euch bei PESA nur um Denkanstöße, eher systemische Leitlinien oder gar einen kompromislosen Kreuzzug?

Und ich frage mich auch, wo ich mich und meine Spielweise dabei einzuordnen habe.

Dabei setzt meine Frage bereits auf einer sehr frühen Ebene ein:

  • Im Zusammenhang mit PESA wird von PESA-genehmigten Abenteuerspielen (gemeint sind damit offensichtlich Regelsysteme) gesprochen. Endet dort die PESA-Bewertung schon? Oder gibt es auch (selbst unter einem PESA-genehmigten Abenteuerspiel) Abenteuer die die Anforderungen von PESA erfüllen oder nicht erfüllen? Gibt es Abenteuer zu OD&D, die ihr als nicht PESA-konform bewerten würdet? Und umgekehrt: Gibt es Abenteuer zu "Schummelerzählspielen", die ihr - losgelöst vom beanstandeten Regelwerk - als PESA-konform asehen würdet?
  • Wird ein PESA-genehmigtes Abenteuerspiel durch Nutzung von Spielräumen (oft ausdrücklich in Regelwerken zu findenden Aufforderung, sich nicht sklavisch immer und überall an die Regeln zu halten) oder Hausregeln zum Schummelerzählspiel?
  • Welcher Grad an Zufallsrelevanz ist erforderlich, um den PESA-Anforderungen zu genügen?

Für mich wäre es spannend festzustellen, ob ich den PESA-Kriterien als SL genüge oder nicht. Dafür kann das genutzte Regelsystem eine Grundlage, aber doch schwerlich alleiniges Kriterium sein.

Ich selbst lese auch ganz gerne mal in "Schummelerzählspielen" ... aber ... um der Wahrheit Gerechtigkeit widerfahren zu lassen: ich spiele sie in der Praxis bislang nicht, sondern benutze sie nur als Steinbruch, Inspirationsquelle oder Stimmungsverstärker. Das liegt einerseits an meinen Spielern, die sicher nicht zu den extrovertiertesten Darstellern gehören. Andererseits ist es so, dass ich letztendlich immer wieder zum alten deutschen D&D-Regelwerk in den Boxen zurückgekehrt bin, egal was ich zwischendurch gespielt habe. Mehr an Regelgerüst brauche ich eigentlich nicht, weniger wird mir schnell zu willkürlich.

Ich frage mich nun, liegt die Ursache in den Mechanismen, die unter der Rubrik "Wider das Schummelerzählspiel" dargestellt werden? Funktionieren Erzählspiele tatsächlich nicht so gut wie ARS-fördernde RPGs bzw. neigen zur Erzeugung von Langeweile? Oder ist eher meine "Faulheit", mich mit neuen Regeln auseinanderzusetzen, und die mangelnde Einsatzbereitschaft meiner Spieler der Grund, aus dem ich in der Praxis ganz klar bei PESA-Spielen bleibe?

Gehe ich die Aspekte durch, die in "Wider das Schummelerzählspiel" aufgelistet werden, finde ich mich bei den meisten Forderungen wieder, z.B.:

  • Können SCs (ggfs. auch die ganze Gruppe) im Spiel sterben? ... Ja, aber ich bin bemüht, Tode von SCs (zumal wenn sie unumkehrbar wären) selten zu halten, weil ich ein Kampagnen-Liebhaber bin. Der Tod eines SCs, wenn er lediglich Folge eines unglücklichen Würfelwurfs ist, erscheint mir unbefriedigend, er sollte möglichst von einer bewussten Entscheidung des Spielers, das Leben des SCs aus einem Motiv heraus zu risikieren, begleitet werden. Aber ja, es kommt auch zu Todesfällen, die garnicht vorhergesehen waren.
  • Werden SL-Würfe zulasten der Spieler manipuliert? ... Ich denke, das kann ich für mich ausschließen. Ich erinnere jedenfalls so auf Anhieb keinen Fall.
  • Werden SL-Würfe zugunsten der Spieler manipuliert? ... Das kann schon mal vorkommen, es dürfte sich dabei jedoch um ganz seltene Ausnahmefälle handeln. In der Regel entscheide ich vorher, ob ein Würfelwurf überhaupt erforderlich ist (wie z.B. selbstverständlich im Kampf). Damit ergibt sich die Notwendigkeit von Manipulationen eigentlich nicht.

Ich teile die Ansicht, dass die Chance auf einen unerwartet glücklichen Erfolg wie auch das Damoklesschwert eines unglücklichen Scheiterns sowohl der Spannung als auch dem Spielspaß grundsätzlich zuträglich sind. Darum würfle ich in wichtigen Situationen auch meist offen, für jeden Spieler gut sichtbar.

ABER ich halte ein ausgewogenes Maß zwischen Zufall und SL-Gestaltung für richtig und wichtig:

  • Ich würfle nicht alles. Nicht für jede Handlung eines SCs fordere ich eine Probe ein. Vieles eher alltägliche gelingt, weil es plausibel ist und ein Scheitern nur nerven würde. Andererseits gestatte ich selten, schlechte Ansätze des Spielers bei der Kommunikation mit NSCs über einen Wurf (z.B. eine Charismaprobe) zu "retten". Die NSCs gehören mir als SL. Ich entscheide grundsätzlich über deren Reaktionen (ausgenommen von erfolgreichen Bezauberungen etc.) und lasse eher nur bei unbedeutenderen Aktionen (z.B. Aushandeln von Preisen, Bezahlungen etc.) Charismaproben zu. Bin ich damit bereits ein "Schummelspieler"?
  • Rolemaster in der ersten deutschen Ausgabe war mir beispielsweise viel zu tabellarisch geraten, was m.E. der Spielfreude schon wieder abträglich war: man verwaltete mehr als zu spielen.
  • In der 5e von D&D wird mir persönlich etwas viel Statistik eingebracht, z.B. hinsichtlich des "richtigen" Verhältnisses von SC-Stufen zu Monstern. Das erscheint mir unbrauchbar: Ich überlege mir vorher, bei welchen Gelegenheiten Gegner für meine Spieler sinnvollerweise (wenn überhaupt) nur mit viel Glück oder äußerster Aufopferung besiegt werden können und wo es sich um eher mühelos zu bewältigende Gegner handelt. Ein stets gleichbleibendes Kräfteverhältnis, welches unberücksichtigt lässt, wie sehr die SCs bereits im Verhältnis zu ihrer Spielwelt aufgestiegen sind oder wie intelligent die Gegner sind, widerstrebt mir. Und selbst kleinste Gegner haben die SCs meiner Spieler bereits in Panik versetzt oder gar getötet, wenn sie (z.B. als Wegelagerer) schlicht sehr gut vorbereitet waren. Die Spieler ahnen schon, wo sie angreifen sollten und wo es klüger ist, eine andere Lösung zu suchen.
  • Ähnlich geht es mir von jeher mit Schatztabellen (die Schätze lege ich als Spielleiter so fest, wie sie m.E. der Gesamtsituation plausibel entsprechen, wofür der Monstertyp oder die Trefferwürfel des Gegners nur ein Indiz darstellen) oder EPs (hier rechne ich manchmal regelkonform, manchmal berücksichtige ich auch andere Faktoren bei der EP-Bewertung; zudem vergebe ich Abenteuer-EPs und Belohnungs-EPs für besonders gute Lösungsansätze etc.; für Schätze gibt es bei mir generell keine EPs, ein Schatz m.E. Belohnung genug und für sich noch kein Maßstab für einen Erfahrungsgewinn der SCs).
  • Gerade bei manchen OSR-Spielen wird es mir mit den Zufallstabellen einfach zu viel. Das ist zwar "lustig", aber lustig ist nicht das, was ich beim PnP primär anstrebe.
  • Und ich "manipuliere" letztendlich, indem ich Schwierigkeitsgrade für Proben festsetze. Auch dann bleibt eine Chance für Erfolg und Niederlage. Auch dort versuche ich eine den Umständen angemessene "plausible" Schwierigkeitsstufe zu finden. Aber ist das nicht auch schon der Ansatz von "Schummeln" im Sinne der PESA-Prämissen?
All dead! All dead!

Es geht um die sittliche Einstellung. Nimmst Du die Spieler ernst?  Nimmst Du die Entscheidungen der Spieler ernst? Nimmst Du die Spielwelt ernst? Leitest Du ergebnisoffen?

Konkret, am Spieltisch, geht es nicht um irgendeine reine Lehre im Sinne eines "wenn-dann". Falls die Entscheidungen des Spielleiters darauf basieren, dass Spieler, Spielerentscheidungen und Spielwelt ernst genommen werden, dann ist das die halbe Miete.

Natürlich gibt es Spiele, die nicht wirklich PESA-genehmigt sind, aber hier und da ein gutes Abenteuer haben. Die 3/3.5/Pf-Familie gehört da sicherlich dazu. Umgekehrt gibt es grottige AD&D-Abenteuer.

Das Festsetzen von Probenschwierigkeiten ist doch keine Manipulation. Auf irgendeiner Ebene extrapolierst Du das doch. Das ist ja das Ding. Wenn Du einfach einen Wert festlegst, den Du spannend findest, dann ist das natürlich öde.

Von Spielerseite ist der Unterschied im Einzelfall wohl nicht bemerkbar. Die Grundstimmung aber schon, mit der Zeit. Und natürlich gibt es unendlich viele Grauzonen und wir könnten jetzt Fälle konstruieren, in denen nichts mehr eindeutig ist.

Darum geht es nicht. Wenn Du die richtige Einstellung hast und wirklich willst, dann passt das. Es geht nicht um Inquisition, sondern um Spielqualität.

Elegods Selbstanalyse löst keine SchErz-Alarmglocken bei mir aus. 🙂

* Orangener Gurt im PJJ * Grüner Gürtel im Drama-Fu (Drachen-Stil) * Brauner Gürtel im Pyro-Fu * Night's Master im Ghoulu Jitsu * Gelber Gürtel im Tanelorn *

Vorab, ich hab kein PESA Zertifikat.

Den Hinweis mit der Einstellung finde ich sehr hilfreich, ich glaube das ist die Krux. Viele Runden, die ich erlebt habe, setzen sich scheinbar tatsächlich hin mit der Erwartung, dass sie schon vor dem Losspielen implizit festlegen, was sie bekommen werden (z.b. eine dramatische Story "wie im Film") und spielen dann natürlich darauf hin, wodurch alles künstlich ist und für mich unendlich langweilig.

Der Zufall (z.b. jede Probe) ist hier ein einfaches WERKZEUG, daraus auszubrechen aber nicht mehr. Aber dieser kann ja auch Langeweile und Albernheit (so sie nicht gewünscht ist) hervorrufen. Hier kommt dann der SL ins Spiel, der die "Messdaten" in der Spielwelt interpretiert. AFAIK Settembrini spricht von "Plausibilitätsabwägung". Das ist aber was anderes als Schummeln. Ein RPG nur mit Regeln ohne SL (wie PC Spiele das versuchen), ist nicht möglich.

Habe die PESA in ihrer Absicht immer ernst genommen, aber in ihrer Darstellung als eine Art Diss nach dem Motto "wir zeigen euch mal das Offensichtliche" und als Satire, die die Verbissenheit der SchERZer spiegelt.

Danke schon einmal!

Ich war mir nie sicher, wie ernst PESA sich nimmt. Der Grundgedanke und die Argumente sind ja sachbezogen. Die Äußerungen im Einzelfall sind demgegenüber oft amüsant.

Wer ist denn die PESA? Stammt das aus Settembrinis Feder oder gibt es dazu eine „Vorlage“ in der englischsprachigen Szene?

All dead! All dead!

Es handelt sich um eine gemeinsame Gründung von Set und mir. Keine Ahnung wie viele hier sich inzwischen dazu zählen und wie viele nur zum Umfeld.

* Orangener Gurt im PJJ * Grüner Gürtel im Drama-Fu (Drachen-Stil) * Brauner Gürtel im Pyro-Fu * Night's Master im Ghoulu Jitsu * Gelber Gürtel im Tanelorn *

Ich bin damals aus Cthulhu-Support-Team von Pegasus ausgetreten, weil ich keine Lust mehr hatte Cthulhu zu leiten. Da lag der Gedanke nahe, ein verlagsunabhaengiges Support-Team ins Leben zu rufen, um die wirklich wichtigen Dinge zu propagieren. PESA steht uns als Label zur Verfügung, um allerlei Arten von Aktionen durchzuführen, statt nur in individuellen Blogs mit geringer Reichweite uns zu echauffieren.

* Orangener Gurt im PJJ * Grüner Gürtel im Drama-Fu (Drachen-Stil) * Brauner Gürtel im Pyro-Fu * Night's Master im Ghoulu Jitsu * Gelber Gürtel im Tanelorn *

PESA ist für mich auf jeden Fall mit einem Augenzwinkern verbunden. Rollenspiele werden ernst genommen ohne dass sich Leute oder den Gegenstand für zu wichtig halten.

Grüße

Hasran

"If people seem slightly stupid, they’re probably just stupid. But if they seem colossally and inexplicably stupid, you probably differ in some kind of basic assumption so fundamental that you didn’t realize you were assuming it, and should poke at the issue until you figure it out." - Scott Alexander

Mir fällt ein, ich sollte wieder T-Shirts drucken lassen! Ggf. sogar Tassen?

Bin gerade auf Arbeit zum Jahresende atyptisch zugemüllt worden...man kommt ja zu nichts.

Unbedingt!

* Orangener Gurt im PJJ * Grüner Gürtel im Drama-Fu (Drachen-Stil) * Brauner Gürtel im Pyro-Fu * Night's Master im Ghoulu Jitsu * Gelber Gürtel im Tanelorn *