Episode 15: Reise zum Mittelpunkt vom Kern von’s Janze

Zock-Bock-Radio Epsiode 15

Hätten die Römer Rollenspiele nicht schon entwickelt haben können? Tief schöpfen wir aus dem Brunnen der Geschichte, um zu ergründen, was denn die notwendigen und hinreichenden Bedingungen für die Erfindung des Hobbyrollenspiels waren und sind. Wir erörtern ausgiebig die Frage, ob und wie es hätte anders kommen können, historisch, sozial und technologisch. Mit blut_und_glas, kirilow und Settembrini.

Shownotes

  • Fletcher Pratt’s naval wargame (video)
  • Weitere Infos zu Fletcher Pratt
  • How did war become a game? (video)
  • Little Wars von H. G. Wells
  • Sherlock Holmes als Phänomen.
  • Gondal, die ausgedachte Welt der Brontës
  • Doktoringenieur und ein paar Sätze zum Widerstand gegen technische Promotionen.
  • Die Revolution von 1848 und ihre Auswirkungen auf SOZIAL-STRUKTUR und Bildungssystem der preußischen Armee. Detlef Bald

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3 Kommentare

  1. Hui, hier geht es intellektuell ja hoch her. Diese abenteuerliche Mischung von Wahnsinn und Tiefsinn schreit ja fast nach einem wissenschaftlichen Format, so richtig, mit allem Drum und Dran, Call for Papers, Panels und Podiumsdiskussionen, in der das Thema nochmal aufgerollt, weitervertieft und das Phänomen Rollenspiel noch einmal aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet wird; in dem dann Kultur- mit Militärhistorikern streiten können, System- mit Diskurstheoretikern. Und in der dann, ganz klassisch, ein Sammelband produziert wird, der die verschiedenen Zugriffe auf die Sache dokumentiert (und zu dem dann selbstverständlich ein Let‘s Play ge-crowdfunded wird, in dem Settembrini, blut_und_glas und kirilow irgendwelche spätmittelalterlichen Protorollenspiele spielen müssen). Gibt es schon? Egal.

    Obwohl viel Irrsal und Wirrsal am Anfang ist (in jeder Beziehung) kommen doch schon viele schöne Ideen zusammen: dass es Rollenspiel einerseits erst dann geben konnte, als die Voraussetzungen dafür geschaffen worden waren, aber aber es andererseits auch noch geschaffen werden musste, ist so banal nicht. Wichtig finde ich auch den Hinweis, dass das Rollenspiel zunächst mal ein Spiel war (und ist), das irgendwie der Unterhaltung dient und deshalb Freizeit voraussetzt (mit der von kirilow dann in Spiel gebrachten Unterscheidung von freier Zeit und Freizeit); dass das Rollenspiel aber auch eine Simulation ist und deswegen ein Abstraktionsniveau erfordert, das im Grunde genommen erst mit der Verwissenschaftlichung des Denkens in der Frühen Neuzeit möglich wird.

    Diesen letzten Gedanken würde ich vielleicht auch noch auf den Begriff der Rolle selbst zurück wenden. Ich könnte mir vorstellen, dass erst die funktionale Differenzierung der Gesellschaft und der damit verbundenen Zwang, nicht nur eine statische Rolle auszufüllen, die bei Geburt immer schon feststeht, sondern sich je nach Situation in ganz verschiedenen, durchaus dynamischen Rollen zu begeben, dass das die Einbildungskraft in einer Weise freisetzt, die es erst ermöglicht, sich über einen längeren Zeitraum vorzustellen, man sei jemand anderes – let alone zum Spaß. Es ist nicht ohne Ironie, dass man sich in der funktional differenzierten Gesellschaft dann vorstellt, genauer: dann erst vorstellen kann, man lebe in einer derart rigide stratifiziert Gesellschaft, dass man selbige über race as class abbilden kann.

    In eine ähnliche Richtung gehen auch kirilows Bemerkungen zum Geek ab etwa Minute 121. Hier verbraucht sich dieses lose, mehr assoziative Format dann aber meines Erachtens; mir jedenfalls gleitet es zu sehr in Startrektrivia ab… Oder in Geraune zu angeblich kulturell verankerten Archetypen… Hier zeigt sich nicht nur Eure eigene Lesebiographie, sondern auch der kulturelle Bias besonders deutlich. Ob man sich mit der bürgerlichen Bildungselite, die dann natürlich weiß, ledig, männlich und naturwissenschaftlich interessiert ist, nicht ein bisschen zu sehr identifiziert, ob man deshalb an einer Legendenbildung mitwirkt, die andere Lesarten der Geschichte, oder andere Spielarten des Genres marginalisiert, müssen Andere beurteilen; dass da sicher noch eine, ich sag mal: subalterne Geschichte schlummert, halte ich jedenfalls für alles andere als unwahrscheinlich. Auf die eurozentrische Dimension des Ganzen kommt ihr zum Glück ja noch zu sprechen (ab Minute 164). Mich hätte vor diesem Hintergrund dann auch interessiert, aus welcher Richtung die versammelten Herren eigentlich kommen. Man liest ja nicht zufällig mal Herodot, Homer und die Sekundärtexte von Köhlmeier, geht zu einem kulturwissenschaftlichen Vortrag zur römischen Kartographie oder beschäftigt sich aus Jux und Tollerei mit der Kybernetik und der Geschichte der Stochastik in der Aufklärung.

    Eine Richtung, die mir über das bellizistische Wargaming und die beinharte Wahrscheinlichkeitsrechnung ein bisschen zu sehr ins Hintertreffen geraten ist, ist die literarische Phantastik. Hier würde ich Parallelen vermuten, kenne mich aber zu wenig aus, um auch nur zu mutmaßen, wie das wohl in die Gleichung reinspielt; hier müsste man wohl nicht nur Kulturwissenschaftler, Militärhistoriker und Soziologen hören – von Anime-Experten ganz zu schweigen – sondern eben auch Literaturwissenschaftler und Komparatisten. Dass die Phantastik nur die positiven Rollenbilder stellen soll, dass sie nur kulturelle Archetypen produziert, überzeugt mich jedenfalls nicht. Diese Lücke ist doch arg fühlbar. Überzeugend finde ich dagegen die Kernthese: dass das Abenteuerrollenspiel nicht aus der Reproduktion von Erzählungen, sondern aus der Simulation von Konflikten erwächst. Chapeau!

  2. Danke fürs Zuhören. Ganz kurz als erste Antwort: Über die Frage „Warum Fantasy?“ haben wir in früheren Folgen schon lönger gesprochen. In aller Kürze kann man sagen, daß die Frage des Inhalts / sujets der Simulation in „einfacher“ Weise wie andere popkulturelle Dinge klären kann. Wer mag warum Vampirgeschichte, wer mag warum Krimis , wer mag warum Kampfroboter, wer mag warum Heavy Metal usw. usf.
    Für die einzelnen Pop-Sujets gibt es dann freilich die jeweiligen Einflüsse, bei Fantasy eben der Phantastik usw. usf.
    Auf den fundamentalen und frühen Einfluß von Lee Gold und den Bronte-Schwestern sprachen wir auch ab Episode 1, wenn ich mich richtig erinnere. Und in Folge 2 widmeten wir uns ausgiebig dem Wirken von Mike Pondsmith. Erst jetzt, also da wo es hinpaßt, der preußisch-angelsächsischen Männerriege in ihrer Männigkeit. Was die subaltenrne Dimension angeht, weiß ich nicht worauf Du genau hinauswillst, aber der wesentliche soziale Punkt meines Argumentes ist ja eben, daß es eine Gruppe von gebildeten Leuten mit hohen Fertigkeiten aber im Vergleich dazu geringerer Verantwortung/Position benötigt, das war das Bild von den bürgerlichen Offizieren, die da nicht-auf-Jagd-eingeladen rumnerden. Und die Stoßrichtung des Nerdarchetypen als Diskussionsthemas ist ja dieselbe, falls das nicht klar war.

    1. Ja, ich habe zu danken; die anderen Folgen höre ich noch nach! Das Einzige, was mir hier nicht klar war, bzw. noch immer nicht hinreichend klar ist, ist: wieso habe ich die Relativpronomen in meinem obigen Kommentar so krass verwürfelt 😀 Nun ja, nun steht es da; damit muss man (ich) leben. Wie auch immer …

      Mit der subalternen Dimension meine ich eigentlich eher ein gewisses Unbehagen: hier sprechen drei – was man so raushört – gebildete, männliche Berliner, mit einer gewissen Faszination für Militärgeschichte und Modellsimulation, über zweieinhalb Jahrtausende Geistesgeschichte. Frauen kommen in dieser Geschichte nicht vor. Traditionen, die sich nicht auf Athen oder Rom gründen, kommen in dieser Geschichte quasi nicht vor. Andere Strömungen, die vielleicht femininer oder sonst diverser gewesen wären, die britische Phantastik zum Beispiel – Du nennst selbst die Bronte-Schwestern als Beispiel – werden ausgesondert. Sie werden ge-sidelined. Und stattdessen wird – suprise, suprise – die Rolle bildungsbürgerlicher, preußischer Militärs mit einer gewissen Faszination für Modellsimulation besonders hervorgehoben. Das fand ich doch etwas sehr, äh, auffällig, ohne dass damit gleich etwas über die Haltbarkeit der Ausgangsthese gesagt wäre.

      Man muss ja nicht immer alles mitmachen und mitabliefern, schon gar nicht gleich. Und schon gar nicht muss ein Gespräch unter Freunden wissenschaftlichen Ansprüchen genügen. Wie gesagt: ich habe das Hörvergnügen sehr genossen. Aber diese Heldengeschichte, dass nämlich jede Kulturleistung von Wert in der greco-romanischen Antike ihre Vorläufer findet und diese Vor- und Frühformen dann in der Aufklärung wiederentdeckt und behutsam fortentwickelt werden, ehe sie im 20. Jahrhundert von genialen Männern aus dem globalen Westen ihre dereinst endgültige Gestalt verliehen bekommen: diese Geschichte habe ich einmal zu oft gehört, um sie völlig unkommentiert stehen zu lassen. Gerade in Zeiten von #blacklivesmatter und #metoo hätte ich mir ein bisschen mehr, nun ja, Reflexion? auf diesen Themenkreis gewünscht. Daher abschließend noch zwei Hinweise auf ein wenig subalterne Geschichte, nämlich auf Frauen in der Geschichte des Hobbies:
      https://medium.com/@increment/the-first-female-gamers-c784fbe3ff37
      https://kotaku.com/d-d-wouldn-t-be-what-it-is-today-without-these-women-1796426183

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