Disputorium

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Shadowrun 6 vs. Cyberpunk Red vs. Corporation

@Zornhau: Cool, da bombadiere ich dich mal mit Folgefragen. In Mutant Chronicles mochte ich 2d20 nämlich sehr gerne.

Ist Infinity da nahe dran, regeltechnisch? Gibt es auch so lange NSC-Listen, wie in MC, mit pre-gens?

Ich hatte mir schon mal überlegt, Infinity zu kaufen. Ich glaube, Justin Alexander schreibt dafür...

Lebt der Support für das Spiel denn eigentlich, oder wird nur ein Kickstarter abgearbeitet? MC ist ja leider tot.

Und taugen die Abenteuer was?

 

Zitat von tassander am 13. Oktober 2019, 18:08 Uhr

@Zornhau: Cool, da bombadiere ich dich mal mit Folgefragen. In Mutant Chronicles mochte ich 2d20 nämlich sehr gerne.

Ich mag Mutant Chronicles 3 auch sehr gerne. Wir spielen jetzt seit über 3 Jahren in einer laufenden Kampagne (die eigentlich Sonntagabend stattfindet, nur heute krankheitshalber mal ausfällt).

Leider ist MC3 als erstes 2d20-Rollenspiel SEHR, ja geradezu EXTREM unorganisiert umgesetzt worden. Dinge, die man an bestimmten Stellen sucht oder erwartet, sind garantiert nicht dort, sondern irgendwo versteckt, wo man vom Kontext nie drauf käme. Wenn ich ein Rollenspielgrundregelwerk mit wirklich schlechter Organisation als Beispiel aufführen möchte, dann ist MC3 meine erste Wahl.

Aber das Setting ist GENIAL und die Regelumsetzung mit 2d20 hat genau den richtigen Punkt zwischen "gritty" und "cinematisch", der für dieses Setting paßt.

Ist Infinity da nahe dran, regeltechnisch? Gibt es auch so lange NSC-Listen, wie in MC, mit pre-gens?

Infinity stellt "entwicklungstechnisch" ein Zwischenglied zwischen MC3 und Conan dar. So gibt es dieselben Schadenswürfel wie in MC3, aber dafür die Schadensmonitore wie in Conan (wenn auch in einer besseren Umsetzung - dank Justin Alexander, würde ich sagen).

Jedes Infinity-Quellenbuch (für die einzelnen Nationen/Staaten bzw. Gruppierungen) enthält jede Menge vorgenerierter NSCs unterschiedlicher Kompetenz. Die einfachen, die Dutzendware ebenso wie "benannte" NSCs, die ähnlich kompetent wie erfahrene NSCs sind (viele davon sind die Sondercharaktere, für die manche der Kickstarter-Backer einen entsprechenden Unterstützung-Pledge-Level gewählt haben - da sind schon ein paar schräge Vögel dabei, aber eben auch sehr stimmige "Boss"-Charaktere).

Für mich ein Vorteil: die NSCs werden anders gebaut als die SCs. Sie haben verkürzte Stat-Blocks und alle ihre Sonderfähigkeiten stehen direkt im Stat-Block, so daß man nicht die langen Talentlisten oder dergleichen nachschlagen muß.

Infinity wird oft ermittlungsorientiert gespielt, so daß man schnell man jede Menge NSCs auffahren muß, mit denen die SCs in Kontakt treten. Das wird durch diese NSC-Pregens deutlich erleichtert.

Ich hatte mir schon mal überlegt, Infinity zu kaufen. Ich glaube, Justin Alexander schreibt dafür...

Er SCHRIEB dafür. Justin Alexander ist es zu verdanken, daß das Infinity-Grundregelwerk das m.E. bislang AM BESTEN organisierte und überlegte 2d20-Grundregelwerk darstellt.

Als später z.B. Conan oder Star Trek Adventures erschienen, war ein deutlicher Rückschritt bei der Klarheit der Regeldarlegung und der Strukturierung der Inhalte feststellbar.

Ich weiß nicht, warum Justin Alexander nicht mehr die Produktlinie unter sich hat, aber es ist auf jeden Fall schade. Infinity macht vieles wett, was in anderen 2d20-Rollenspiele immer wieder an Problemen aufgetaucht ist.

Lebt der Support für das Spiel denn eigentlich, oder wird nur ein Kickstarter abgearbeitet? MC ist ja leider tot.

Es gibt ja im Modiphius-Forum immer wieder Beiträge, in denen auf neue Produkte nach der Abarbeitung der MC3-Kickstarter-Produkte angesprochen wird. So stünden z.B. jede Menge Abenteuer, die aus den Gruppierungs-Quellenbänden aus Seitenumfangsgründen gestrichen wurden, noch zur Veröffentlichung an. Hoffentlich kommt da noch was.

Die Living-Campaign scheint nicht so recht in die Gänge zu kommen. - Der Einstieg war ja auch enttäuschend, ist diese doch zeitlich in der Dark Symmetry Ära angesiedelt, hat jedoch Pregens mit Mishima-Seven-Sages-Martial-Artists (die gibt es frühestens 900 Jahre später!) und Bruderschafts-Mystiker (die es auch erst deutlich später gibt). Da hätte ein wenig mehr Hintergrundkenntnis der Abenteuer-Autoren bzw. Pregen-Entwickler geholfen solche Schnitzer zu vermeiden.

Als ich noch für Uhrwerk (aktuell ja im Wachkoma) an der deutschen Mutant-Chronicles-Ausgabe gearbeitet hatte, hatte ich gleich mehrere NEUE, rein deutsche EIGENENTWICKLUNGEN als Kampagnen für die deutsche Version in der Planung, eine davon sogar schon fertig (und testgespielt - saugeil!). Leider mußte all das liegengelassen werden. Uhrwerk bzw. Patric Götz gab auch auf Nachfragen zur Zukunft der deutschen Ausgabe keinerlei Antwort, so daß es wohl toter als der Uhrwerk-Verlag an sich sein dürfte. Schade. VERDAMMT schade!

Es war ja schon der zweite Versuch MC3 auf Deutsch herauszubringen. Vorher hatte sich Ulisses mit einem übersetzungsmäßig sehr verunglückten Versuch nicht besonders bemüht und das Ganze dann an Uhrwerk abgegeben.

Ebenso übrigens Infinity, wo der alte, erste Schnellstarter auch schon bei Ulisses in der Übersetzungsmangel war. Aber für eine deutsche Ausgabe von Infinity sehe ich angesichts der deutschsprachigen Rollenspiellandschaft KEINERLEI Bedarf und somit sehr geringe Chancen das hierzulande zu verkaufen. Lohnt sich einfach nicht.

Und taugen die Abenteuer was?

Ich finde, ja. - Wie oft, muß man einiges an Arbeit reinstecken, um sie der jeweiligen SC-Gruppe anzupassen, aber meiner Erfahrung mit einer inzwischen bald zwei Jahre laufenden Kampagne geht das richtig gut - vor allem, wenn man auch die über die Lifepath-Charaktererschaffung erzeugten persönlichen Handlungen einflechtet. Die machen dann solch eine Kampagne zu einem sehr persönlichen Erlebnis für alle Beteiligten. Finde ich gut.

Die Abenteuersammlungen sind jedenfalls alle wesentlich BESSER als die extrem railroadigen, schlauchartigen Conan-Einschienenbahnen. Natürlich gibt es da bessere oder schlechtere, aber ich hatte als Spieler in einigen dieser Abenteuer so richtig das Feeling wie in der The Expanse Serie kombiniert mit Altered Carbon. Für mich einfach genau das Richtige.

Angekündigt ist ja die große Paradiso-Kampagne, wo es um die Invasion einer Alien-Singularität, der Evolved Intelligence, im Paradiso-System geht. Hier geht es um nicht weniger als um die nackte Existenz der Menschheit, denn sollte es dieser fremdartigen KI gelingen weiter in die Human Sphere einzudringen, dann wird die Menschheit eine weitere der Dienerrassen dieser KI. Die Kampagne ist gerade in der Mache, aber da ALLES von den Spaniern von Corvus Belli gegengeprüft und genehmigt werden muß, kann es immer ein wenig dauern - dafür ist dann aber die Qualität in Ordnung und alles paßt zum Settinghintergrund (was bei MC3 nicht immer der Fall ist).

Leider ist das 2d20-System nur im schon scheintoten Blutschwerter-Forum ein eigenes Unterforum wert, in dem auch nicht viel passiert (mangels Beteiligung - aber dort gibt es halt kaum noch Rollenspielinteressierte, die auch was schreiben wollen). In anderen Foren ist es ziemlich tot um 2d20.

Und das, wo jetzt als nächste Rollenspiele Achtung! Cthulhu 2d20, sowie Dune 2d20 und danach Fallout 2d20 anstehen. Also ziemlich dicke Lizenzen, bei denen sich zeigen muß, wie gut Modiphius diese umsetzen wird. (John Carter haben sie leider an einen Hauptautoren gegeben, der keine klaren Regeltexte verfassen kann. Die Settinginformationen sind gut, aber die Regelseite ist grottig, unklar und bisweilen nicht in der Spielpraxis umsetzbar - liegt an dem Autoren, der solchen Müll auch schon für Conan im Sorcery-Band produziert hat).

Für diejenigen, die noch im Tanelorn posten dürfen, gibt es dort manchmal ein 2d20-Thema, das sich in der Regel aber von enormer UNKENNTNIS der Materie auszeichnet - also das Übliche, was man im Tanelorn so erwarten kann.

Danke für die ausführliche Antwort. Den ersten Expanse-Roman mochte ich gerne und Altered Carbon fand ich auf Netflix super (die Expanse-Serie und die Altered Carbon-Bücher kenne ich nicht).

Höre ich aus deinen Beschreibungen richtig heraus, dass man im Prinzip alle Bücher der Reihe gut brauchen kann - oder gibt es auch Rohrkrepierer?

Bei Conan bin ich ausgestiegen, weil ich die Bücher so unglaublich langweilig und wenig spielfördernd finde. Bei MC3 fehlt mir zwar viel Info (wie groß sind die Siedlungen auf dem Merkur, wo sind die Handelswege, Stadtpläne etc.) aber es war halt inspirierend genug, um eine Kampagne daraus zu entwickeln.

Zitat von tassander am 13. Oktober 2019, 19:58 Uhr

Höre ich aus deinen Beschreibungen richtig heraus, dass man im Prinzip alle Bücher der Reihe gut brauchen kann - oder gibt es auch Rohrkrepierer?

Ich habe bislang noch kein "unbrauchbares" Infinity-Buch gesehen. Sogar der GM's Guide ist SEHR nützlich, weil dort Dinge erklärt werden, die im eh schon umfangreichen Grundregelwerk keinen Platz fanden (außerdem ist da Raumkampf - wie in The Expanse - drin und jede Menge Werkzeuge für den SL, gerade auch für die Wilderness of Mirrors "Nebenaufträge", die Infinity so spannend machen).

Bei Conan bin ich ausgestiegen, weil ich die Bücher so unglaublich langweilig und wenig spielfördernd finde.

Conan hat SEHR viele Quellenbände, die ZU DÜNN sind, kaum brauchbaren Inhalt, dafür auch keine brauchbaren Charakter-Optionen oder NSCs oder Abenteuer bieten. Schade, aber eher das, was man bekommt, wenn man auf "Volumen" schreibt, nicht auf Qualität.

ich bin mal auf das Ergebnis hier gespannt. Ein brauchbares Cyberpunk-Rollenspiel wäre mal was.

Rein als Setting kann ich Dir die Comic-Serien Travis und McCallum empfehlen. Cyberpunk in den 2050ern, sehr gute Gesellschafts-Extrapolation aus unserer Gegenwart. Auf deutsch verfügbar. Rezensionen irgendwo beim Wuerfelheld.

* Orangener Gurt im PJJ * Grüner Gürtel im Drama-Fu (Drachen-Stil) * Brauner Gürtel im Pyro-Fu * Night's Master im Ghoulu Jitsu * Gelber Gürtel im Tanelorn *

Wichtig: Corporation ist kein Cyberpunk. Es hat zwar ein paar der üblichen Cyberpunk-Versatzstücke, man spielt aber im Endeffekt System-Schergen in einer dystopische Zukunftswelt. Und das ist wichtig, weil nur so eines meiner Lieblings-Merkmale von Corporation greift: Das Lizenz-System:

Die Charaktere sind ja quasi-scheinselbstständige Gesetzeshüter in Konzern-Auftrag, und haben diverse Befugnisse. Standardmäßig ist das die "Law Enforcement Licence", damit können sich die Agenten an Tatorten herumtreiben und kriegen auch Akteneinsicht, und die "Small Firearms Licence" - der Waffenschein. Darüber hinaus hat man aber schon zu Beginn ein paar andere Lizenzen, und kann im Laufe des Spiels auch weitere erwerben, mit denen die Agenten legal Dinge tun können, wo in anderen Systemen/Welten schon kriminelle Energie nötig ist: Privat- und Geschäftsräume durchsuchen, Verkehr umleiten, Dinge beschlagnahmen, Leute 24 Stunden ohne Gründe festhalten, Zugriff auf Melderegister und Überwachungs-Satelliten, ..., bis hoch zur Lizenz zum Töten! Damit haben die Spieler/Charaktere ganz andere Handlungsspielräume als anderswo.

Das Setting ist, wie es präsentiert wird, wirr, und es bedarf einer eigenen Interpretation, um daraus etwas Schlüssiges zu machen, hat aber einige sehr schöne Ideen. Vor allem gibt es ein konfliktgeladenes Grundspannungsfeld zwischen verfeindeten Großkonzernen, der von allen gehassten faschistoiden Weltregierung, außerirdischen K.I.s als Marionettenspielern im Hintergrund, und dazwischen Chaos-Kleinfraktionen wie Der Eine Glaube, der Kult der Maschine, die Kinder Minervas usw. Damit kann man als Spielleiter schon hervorragend arbeiten.

Kleiner Minuspunkt ist die eher schlechte Strukturierung des Grundregelwerks. Zeug steht eigentlich nie da, wo ich es erwarten würde. Zum Glück gibt es einen sehr guten Index!

@pyormancer: Danke!

Ich brauche jetzt auch nicht unbedingt Cyberware. Internet/Augmented Reality wäre aber schon gut.

Hmm.

Ich lese mich gerade etwas in Infinity ein - ich habe das pdf mal als Zugabe bei einem MC-Deal bekommen - und bin überrascht: ich mag, was ich lese, aber es reißt mich einfach nicht mit. Mein Kopfkino startet nicht von selbst, sondern nur auf Aufforderung. Ich kann gerade den Finger noch nicht ganz drauf legen...

Ich lese weiter.

Zitat von tassander am 14. Oktober 2019, 18:49 Uhr

@pyormancer: Danke!

Ich brauche jetzt auch nicht unbedingt Cyberware. Internet/Augmented Reality wäre aber schon gut.

Cyberware hat Corporation genug, der Bereich wird sehr gut abgedeckt, da vermisse ich nichts (und benutze im Spiel auch nur das Zeug aus dem Grundregelwerk und aus "Machines of War"). Internet gibt's im Setting auch (heißt da "World Data Net", und man braucht eine "privacy license", wenn man seine persönlichen Daten nicht-öffentlich halten will), wird aber nicht ausführlich behandelt.

Zitat von tassander am 14. Oktober 2019, 18:49 Uhr

Ich lese mich gerade etwas in Infinity ein - ich habe das pdf mal als Zugabe bei einem MC-Deal bekommen - und bin überrascht: ich mag, was ich lese, aber es reißt mich einfach nicht mit. Mein Kopfkino startet nicht von selbst, sondern nur auf Aufforderung. Ich kann gerade den Finger noch nicht ganz drauf legen...

Das war bei mir genau so.

Ich hielt anfangs Infinity für ein eher langweiliges Rollenspielsetting, weil ja keine Übernatürlichkeiten vorkamen und alles so ... menschlich ... abging.

Dann hatte ich die Gelegenheit in einer Runde mitzuspielen, die ein Kenner des Settings (vom Miniaturenspiel her) geleitet hatte. Und da hatte es wirklich GEFUNKT!

Seit ich bald darauf die erste Infinity-Runde selbst geleitet hatte, war dann klar, daß Infinity keine "Liebe auf den ersten Blick" ist, aber dafür etwas, das man nach einer Weile gar nicht mehr missen mag.